Mike Fiction Interview (komplett)

Du hast an der renommierten Hochschule für Film und Fernsehen, „Konrad Wolf“ (HFF) in Potsdam-Babelsberg Schauspiel studiert und bereits in Theaterstücken wie „Othello“, „Sommernachtstraum“, oder in „Das Bildnis des Dorian Gray“ gespielt, bevor du in „Wholetrain“ eine Hauptrolle übernommen hast. Kannst du vielleicht zusammenfassen, inwiefern das Mitwirken an solch Stücken Auswirkungen auf deine Persönlichkeit als Rapper hatte?


Ganz einfach! Dadurch, dass ich am Theater/Schauspielschule mit Texten anderer Autoren in Kontakt kam und mich inhaltlich und sprachlich damit auseinandersetzen musste und sie schlussendlich gestisch auf der Bühne performt habe, hat sich rap-technisch bei mir natürlich einiges verändert.

Wenn ich einen Rap-Text schreibe, stell ich mir währenddessen vor, wie ich ihn auf der Bühne performe, ich weiß ganz genau wo ich die Schwerpunkte in Bezug auf Betonung, Intonation und Inhalt setze. Was ich damit sagen will ist, dass ich eine sehr schauspielerische Umsetzung für Rap entwickelt habe. Es reicht mir nicht in meinen Texten zu sagen, dass ich der Beste bin. Ich will sie inhaltlich ausschlachten und nicht mit Worthülsen um mich werfen.

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Auf dieser Schule sind ja durchaus Kinder aus der oberen gesellschaftlichen Schicht. Du selbst kommst aus Berlin-Wedding, einem Bezirk der kürzlich durch Massiv zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte. Warst du während deiner Ausbildung aufgrund deines Backgrounds Ressentiments ausgesetzt?

Stimmt, die meisten Schauspiel-Studenten kommen aus bürgerlichen Familien, was ich persönlich sehr schade finde, denn dadurch hat dieser Studiengang einen elitären Beigeschmack. Ich z.B. komm aus einer klassischen Berliner Arbeiterfamilie, aber das war auch gut so, denn dadurch hab ich ganz andere Qualitäten in den Studiengang mit einfließen lassen, als meine Kommilitonen und hab mich auch schauspielerisch sehr von ihnen abgehoben.


Ressentiments??? Gab es überhaupt keine, im Gegenteil, die Leute haben mich gefeiert.


Inwiefern beeinflusst dich deine Sozialisation als Mensch innerhalb einer Kultur wie Hip Hop bei deinem Schauspiel?

Sorry, aber diese Fragestellung macht keinen Sinn?!

Aber ich kann mir schon vorstellen was du meinst, wenn ich Schauspiel mache, vor der Kamera oder auf der Bühne stehe, existiert in diesem Moment keine Sozialisation. Es gibt im Augenblick der schauspielerischen Entwicklung keine Regeln. Ganz einfach aus dem Grund, dass du deine Figur ausloten musst und Grenzen hindern dich dabei nur!

Word Cup Gründer und Host Tyron Ricketts hat mal gesagt, dass er oft für die „typischen“ Rollen eines Afrodeutschen angefragt wurde; den Bastketballer, den Rapper, Kriminellen. Erging es dir ebenso?


Leider ja!


Hast du durch deine Ausbildung an der HFF und die Stücke in denen du gespielt hast evtl. gegen solche Tendenzen angekämpft. Im Sinne, dass du, wenn dir solche Rollen angeboten wurden, darauf verweisen konntest, ernsthaftes Schauspiel zu betreiben? Wolltest du dich also emanzipieren?

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Nein, die HFF ist eine staatliche Hochschule, die im Schauspielsektor nur intelligente Leute vom Fach engagiert und keine Pappnasen, die denken, dass die Hauptrolle nur von blonden, blauäugigen, androgynen Milchgesichtern gespielt werden kann. Auf der anderen Seite muss ich zugeben, dass ich in den ersten drei Semestern die Dozenten erst mit Talent und Qualität überzeugen musste, bevor sie mich den Hamlet spielen ließen.

Vor der offiziellen Trennung der Kaosloge hatte sich Damion Davis ja schon für einen eigenen Weg entschieden. Wie war es vor dem Hintergrund, mit ihm so eng am Filmset zu „Wholetrain“ zusammen zu arbeiten? Ihr spielt in dem Film ja beste Freunde.

Als erstes, das ist eine sehr gute Frage! Zweitens, wir haben Damion damals rausgeschmissen und ich war derjenige, der es vorgeschlagen hat, ihn rauszuschmeißen, Punkt. Alles andere ist eine Lüge, du kannst Damion fragen.


Während der Dreharbeiten zu „Wholetrain“ war es nicht leicht für mich mit ihm zu spielen, zumal wir eine persönliche Vergangenheit hatten, aber zum Glück bin ich ein professioneller Schauspieler.


Mit „Wholetrain“ zeichnet Florian Gaag ja ein ziemlich realistisches Bild über rivalisierende Graffiti-Gruppen. Wie hast du dich emotional auf deine Rolle als David vorbereitet, schließlich muss sich David zwischen der Gruppe und seiner eigenen Zukunft entscheiden?


Die Proben mit dem Regisseur vor den Dreharbeiten haben sehr geholfen, aber ich hab in David sehr viel von mir selber wieder entdeckt. Ich war auch mal Writer, ich musste also nicht viel spielen.


Ein für mich sehr interessanter Aspekt an der Schauspielerei ist, dass man neue Dinge erfahren und erlernen kann. Für „Wholetrain“ musstet ihr auch taggen lernen, richtig?


Ich konnte schon taggen. Tallin, seines Zeichens Writer aus München/Nürnberg hat mir aber einen intensiven Tagging-Workshop gegeben, damit ich wieder rein komme.


Der Film war ja sehr erfolgreich, räumte von New York über Sarajevo und Köln Preise ab. Welche neuen Rollen ergaben sich durch „Wholetrain“ für dich?


Einige sehr interessante Projekte, die nichts mit HipHop zu tun hatten. Vor kurzem habe ich einen Terroristen gespielt, auch einen Wissenschaftler. Letztendlich bin ich Schauspieler und freu mich über Rollen, die nichts mit meinem Privatleben zu tun haben.


Einmal im Jahr gastiert der große Berlinale Zirkus in der Hauptstadt. Nutzt du diese Gelegenheit, um auf dich aufmerksam zu machen, oder ist dir das alles zu aufgeblasen und oberflächlich?

Natürlich bin ich auf der Berlinale – ick bin doch Berliner!


Bei der Berlinale gab es eine Panel-Diskussion mit dem Thema „From Street Cred to Street Credibility – Hip Hop and the Movies“ über die wir bei Word Cup bald auch berichten. Es ging darum, welche Einflüsse der Film aus der Hip Hop Kultur zieht. Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Einflüsse, wenn es überhaupt welche gibt?


„Wholetrain“ ist der einzige deutsche Film, und ich meine damit wirklich der einzige deutsche Film, der die richtigen Einflüsse aus HipHop zieht. In der Regel sträuben sich mir die Nackenhaare, wenn ich höre, in Deutschland wird ein HipHop-Film gedreht. Meistens geht es voll in die Hose, siehe HipHop-Tatort


Welche Filme und welche Regisseure haben dich, im HipHop Kontext, in den letzten Jahren beeindruckt?


Ich fand „8 Mile“ und „Hustle & Flow“ sehr gut! „Training Day“ mit Denzel Washington war aber auch Killer.

Welche außerhalb des HipHop Kontextes?


„Im Auftrag des Teufels“, „Glengarry Glen Ross“, „Sleepers“, „Heat“, „I am Sam“ und „Spider Man 2“.


Siehst du überhaupt Parallelen zwischen dem Dasein als Schauspieler und dem als MC?


Natürlich! Rapper spielen auch nur eine Rolle, bei dem einen hat es einen authentischen Hintergrund und der andere spielt es einfach nur schlecht nach.


Würdest du den Satz „entweder ganz oder gar nicht“ unterschreiben? Und wenn ja, bedeutet er in deinem Fall, dass du dich irgendwann fürs Schauspiel oder das Rappen entscheiden musst?


Voll und ganz: Schauspiel!


Ich fand deinen Auftritt bei „Feuer über Deutschland 2“ (FÜD) ziemlich beeindruckt. Du bist ohne Support auf deiner Seite, gegen eine Horde von Gegnern auf der anderen Seite angetreten. Das spricht von einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, oder?


Wenn man sich live on stage battled, so wie bei FÜD, lebt die Situation ja auch von der Mimik und Gestik. Inwiefern hilft dir deine Ausbildung dabei? Oder war es vielleicht umgekehrt so, dass dir Battles bei deinem Schauspiel geholfen haben?


Bei FÜD hat mir die schauspielerischen Gesten sehr geholfen, Schauspiel hin oder her, wenn ich auf der Bühne bin geb ich einen Fick auf alles und jeden, egal ob Theater, Bühne oder Konzert!

Was können wir in Zukunft von dir erwarten, als Rapper und als Schauspieler?


Als Schauspieler auf jeden Fall eine Menge, als Rapper kann ich dir nicht genau sagen was noch kommt. Ich geh mit Snuff Pro erstmal vom 5.3-15.3 auf Tour!

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Eine Antwort zu “Mike Fiction Interview (komplett)”

  1. [...] Mike Fiction Interview Als Mitglied der Kaosloge erwarb sich Mike Fiction a.k.a. Mike Adler seine Meriten. Sein Solo-Debüt “Dreckiges Deutsch” erschien über eines DER Labels derzeit, Snuff Pro, und reihte sich sound- und qualitätstechnisch ein in die Reihe überdurchschnittlicher, Köpfe zerberstender Releases aus Leipzig. Aber gerade in der Rolle als Schauspieler, hier als Mike Adler, geht der Mann aus Berlin-Wedding immer mehr auf, nicht erst seit der Hauptrolle in Wholetrain. Checkt hier das Interview mit ihm über Rap vs. Schauspiel –> Interview Mike Fiction [...]

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